Schutzzielparameter

Schutzzielparameter

Schutzziele in der Gefahrenabwehr beschreiben, wie bestimmten Gefahrensituationen begegnet werden soll. Dabei ist für eine bestimmte Gefahrensituation festzulegen:

  • die Zeit, in der Einheiten zur Gefahrenabwehr an der Einsatzstelle eintreffen oder tätig werden sollen (Hilfsfrist)
  • in welcher Stärke diese Einheiten benötigt werden (Mindesteinsatzstärke)
  • in welchem Umfang das Schutzziel in der Realität erfüllt werden soll (Erreichungsgrad)

 

Bei der Schutzzielfestlegung sind grundsätzlich die Ziele des Brandschutzwesens zu berücksichtigen. Nach ihrer Priorität sind dies:

  1. Menschen retten
  2. Tiere, Sachwerte und Umwelt schützen
  3. die Ausbreitung des Schadens verhindern

Die zeitkritische Aufgabe ist dabei die Rettung von Menschen. Bei der Bemessung der Mindesteinsatzstärke ist deshalb zu beachten, dass mit den zuerst eintreffenden Kräften in jedem Fall die Menschenrettung unter Beachtung der Eigensicherung ermöglicht werden muss.
Zum Erreichen der weiteren Prioritäten bzw. zum Beherrschen des Schadenereignisses unter Beachtung der Eigensicherung werden gegebenenfalls zusätzliche Kräfte benötigt. Das zu formulierende Schutzziel muss daher die Erreichung der angesprochenen Ziele des Brandschutzwesens ermöglichen.

Für die Hilfsfrist gelten folgende Grundsätze:

  1. Zur Definition der Hilfsfrist werden nur solche Zeitabschnitte herangezogen, die von der Feuerwehr beeinflussbar und dokumentierbar sind.
  2. In Ermangelung genauer statistischer Daten wird angenommen, dass die Zeit zwischen der Schadenentstehung und der Signalisierung des Notrufs in der Abfragestelle (Leitstelle) im Mittel 3,5 Minuten beträgt.  
  3. Meldezeit

  4. Die für die Menschenrettung zur Verfügung stehende Zeit wird von der Dauer der Rauchgasexposition bestimmt. In der Mitte der siebziger Jahre veröffentlichten ORBIT-Studie ermittelte man für Kohlenmonoxid eine Erträglichkeitsgrenze von 13 Minuten und eine Reanimationsgrenze von 17 Minuten. Dies besagt: Nach 13 Minuten verliert die Person das Bewusstsein (und kann sich damit den Rettern nicht mehr bemerkbar machen), nach 17 Minuten bleibt eine Reanimation erfolglos. Die Feuerwehr muss daher spätestens 13 Minuten nach begonnener Rauchgasintoxikation vor Ort sein und hat dann noch 4 Minuten Zeit, die Person zu finden, zu retten und zu reanimieren.

    CO-Konzentration, Erträglichkeitsgrenze und Reanimationsgrenze nach der Orbit-Studie

     
  5. Weiterhin haben Einsatzanalysen ergeben, dass die Feuerwehr bei Brandflächen über 400 qm nur noch bei günstigen Einsatzbedingungen zum Löscherfolg kommt. Je nach Brandlast liegen die Brandausbreitungsgeschwindigkeiten zwischen einem und drei Meter pro Minute, so dass die Flächengrenze bei mittlerer Brandlast bereits bei 10 Minuten liegt. Unter dem Aspekt des reinen Sachwertschutzes müssen die Hilfsfristen also ebenfalls in der genannten Größenordnung liegen.

Für die Mindesteinsatzstärke gelten folgende Grundsätze:

 

  1. Es ist immer mindestens truppweise vorzugehen. Ein Trupp besteht dabei mindestens aus zwei Einsatzkräften. Besondere rechtliche Vorgaben (z. B. im Strahlenschutzeinsatz) sind zu beachten.
     
  2. Im Atemschutzeinsatz ist nach den einschlägigen Unfallverhütungsvorschriften und der FwDV 7 mindestens ein Sicherheitstrupp zu stellen. An unübersichtlichen Einsatzstellen (z. B. in unterirdischen Verkehrsanlagen, Tiefgaragen) ist für jeden eingesetzten Trupp ein Sicherungstrupp zu stellen.

Für den Erreichungsgrad gelten folgende Grundsätze:

  1. Kommunen handeln im Regelfall bedarfs­gerecht (z.B. im Sinne des FSHG NRW), wenn sie im Rahmen der Brandschutz­bedarfs­planung entsprechend den Empfehlungen der Arbeits­gemeinschaft der Leiter der Berufs­feuerwehren (AGBF) für "Qualitäts­kriterien für die Bedarfs­planung von Feuerwehren in Städten" vom 16. September 1998 die Qualitäts­kriterien "Hilfsfrist" und "Funktions­stärke" sowie den "Erreichungsgrad" erfüllen.

  2. Ein reales Sicherheitsniveau von 100 % an jeder Stelle des Territoriums des Auf­gaben­trägers ist unbe­stritten unrealistisch. Es wird daher immer Zeiten und Bereiche geben, in denen ein geringeres Sicher­heit­sniveau aufgrund von nicht planbaren Zufällig­keiten hin­genommen werden muss. Dennoch ist es notwendig, die Erreichbarkeit des Territoriums innerhalb bestimmter Hilfs­fristen planerisch zu 100 % anzusetzen. Die Planung muss daher immer von einer hundert­prozentigen Erreichbarkeit ausgehen, da es sonst unmöglich ist, die akzeptierten Abweichungen einzuhalten.

  3. Unbeein­flussbare und zufällige Ereignisse (z. B. Schneefälle, Glatteis, Sturm, Verkehrsstaus, parallele Einsätze, Eigenunfall) verhindern real die Erreichung des planerischen Schutzziels, der Erreichungs­grad sinkt unter 100 %. Da diese Hinderungs­gründe jedoch nicht planbar sind, liegt der reale Erreichungs­grad immer um diesen nicht plan­baren Ausfall­anteil unter dem geplanten 100%-Erreichungs­grad.
     
    • der Gleichzeitigkeit von Einsätzen, die die zuständige Feuerwache teilweise oder ganz binden,
    • der strukturellen Betrachtung des Stadtgebietes,
    • der Optimierung des Personaleinsatzes,
    • den Verkehrs- und Witterungseinflüssen.


  4. Sicherheitsniveau, planerischer und realer Erreichungsgrad

    Zur Interpretation des Zielerreichungsgrades stellt das Innenministerium Nordrhein-Westfalen im Erlass vom 5. Mai 2001 fest (Az.: V D 4 - 4.310-1):

    "Der Erreichungsgrad ist abhängig von
  • der Gleichzeitigkeit von Einsätzen, die die zuständige Feuerwache teilweise oder ganz binden,
  • der strukturellen Betrachtung des Stadtgebietes,
  • der Optimierung des Personaleinsatzes,
  • den Verkehrs- und Witterungseinflüssen.
    Diese Randbedingungen sind gewöhnlich bekannt und ermöglichen eine hinreichend genaue Planung des Erreichungsgrades.
    Im Hinblick auf den Personaleinsatz ist allerdings zu beachten, dass es in Bereichen mit ausschließlich oder überwiegend ehrenamtlichen Einsatzkräften schwierig ist, eine zuverlässige Kalkulation des zur Verfügung stehenden Personals (Anzahl und Qualifikation) vorzunehmen. Dies kann im Ergebnis zu einem niedrigeren Erreichungsgrad führen.
    Grundsätzlich sind die Qualitätskriterien auf alle bewohnten oder zum regelmäßigen Aufenthalt bestimmten Gebiete der Gemeinde anzuwenden.
    Im Wege der interkommunalen Zusammenarbeit ist es rechtlich zulässig, den Feuerschutz in bestimmten Gebieten einer Gemeinde (z. B. Randlagen) von Feuerwehren der angrenzenden Gemeinden auf der Basis öffentlich-rechtlicher Vereinbarungen zu ergänzen oder sogar sicherstellen zu lassen.
    Darüber hinaus kann es in Einzelfällen möglich sein, durch kompensatorische bauliche und betriebliche Maßnahmen eine Selbstrettung von Personen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu gewährleisten, um so den auf dieses Gebiet bezogenen geringeren Erreichungsgrad verantworten zu können."

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